Porto war gestern
(Eine leicht dramatisierte Wiedergabe einer echten Begebenheit)
Mittwoch morgen, Saarbrücken, -2°, Nieselschnee, gefühlte -20°. Ich bin auf dem Weg, meiner Mutter eine Seniorenmonatskarte zu ziehen und zuzuschicken. Dabei habe ich (neben 4 Schichten Oberbekleidung) einen Briefumschlag, bereits befüllt mit einer anderen Sache, die ich ihr schicken wollte und fertig adressiert. Nur Briefmarken waren zu Hause keine mehr. Aber egal erstmal zur Saarbahnhaltestelle, Karte kaufen. Der Preis sind 54,- (was ich für einen Monat im ganzen Saarland fahren für Senioren einen verdammt guten Preis finde, aber das ist ein anderes Thema). Mit klammen, eingefrorenen Fingern wandert der Fünfzigeuroschein in den Automaten, der springt auf “nur noch Münzen möglich, Automat wechselt nicht”. Super! Ich habe noch 5€, aber kein Münzgeld und den einen Euro darf ich dem Automaten nicht schenken (ich hätte das in dem Moment gerne als Wahlmöglichkeit gehabt). Durch den Nieselschnee also zum Postshop, wo ich eigentlich mit fertigem Umschlag erst hinwollte, und einen 10er-Bogen selbstklebende 55ct-Marken gekauft. Wieder raus, diesmal mit Münzgeld bewaffnet und die Karte erfolgreich gelöst. Zunehmend genervter ging ich zurück zum Briefkasten, machte das erworbene Ticket in den Umschlag, klebe ihn zu, werfe ihn ein, gehe nach Hause.
Als ich einige Zeit später komplett aufgetaut war räume ich meine Einkäufe aus und mir fällt der Bogen mit den Briefmarken in die Hand. Es sind noch alle zehn drauf. Hmm. Den Umschlag mit dem Ticket für 54,-, das meine Mutter zwei Tage später braucht (und sie wohnt fast 60km weg), habe ich also unfrankiert eingeworfen.
Ich hatte eh’ über die Episode mit dem widerspenstigen Automaten vergessen, Brot zu kaufen und bin dann auf dem Rückweg beim Postshop vorbei: Nein, man könne den Briefkasten nicht öffnen, und selbst wenn ich den Leerer abpasste (der bei den Wetterbedingungen aber auch nicht pünktlich zur aufgedruckten Zeit kommt) wäre es sehr ungewiss, ob der mir erlauben würde, meinen Brief herauszufischen und ordnungsgemäß zu frankieren — schließlich sei der Brief in dem Moment, wo ich in ihn einwarf nicht mehr mein Besitz. Zugestellt werden würde der Brief — so die Angestellten dort — sehr wahrscheinlich nicht, am ehesten wäre er morgen beim Absender mit “unzureichend frankiert” und wenn ich viel Glück hätte vielleicht bei meiner Mutter mit Nachportoforderung.
Meine Mutter hat gleich die Post im Ort informiert, wo meine Eltern ihre Post ins Postfach umleiten lassen, dass das Porto doch bitte zu entrichten sei und schon mal Alternativpläne entwickelt, wie die Bahnfahrt zu regeln wäre, wenn das Ticket nicht ankommt. Ich habe meine Mitbewohnerin darauf angesetzt, den Brief, sollte er zurückkommen, gleich zu frankieren und erneut einzuwerfen.
Am nächsten Tag dann die Überraschung: Der Brief kam an. In der linken, oberen Ecke fein säuberlich gestempelt, nur Briefmarke klebte keine darunter. Die Post scheint lieber ein paar Briefe umsonst zu transportieren als ihre Maschinen genauer prüfen zu lassen. Auch die Frau auf der Post sagte meiner Mutter, dass das zwar komisch aussieht, ihr auch klar ist, dass dafür kein Porto gezahlt wurde, sie aber keinerlei rechtliche Handhabe hat, Nachporto zu verlangen und wir Glück gehabt hätten.
Hier Beweisstück “A”:
(Eine Theorie ist noch, dass die Landkarte, die durchscheint, den Frankierüberprüfungsautomat vielleicht getäuscht hat, aber die Testreihe dazu werde ich nicht umsetzen
. Wer daran interessiert ist: Die Umschläge sind aus dem sogenannten Direktrecycling und werden aus den Druckresten einer Landkartendruckerei gefertigt. Gibt’s auch online.
Posted from Saarbrücken, Saarland, Germany.
Erstellt am Montag 6. Dezember 2010
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